Sonntag, 15. September 2013

Zeiten

„Einen Hagebuttentee bitte, und einen Kaffee.“ Zwei Süßstofftabletten sinken in der roten Flüssigkeit nach unten, schäumend, ihre angenehme, kalorienarme Süße verbreitend. Ich umklammere den Pappbecher mit dem dampfenden Tee noch mit meinen frierenden Fingern, Papa trinkt den Kaffee schon in großen Schlucken. Die Frau, die mit ihrem kleinen Wagen, an dem sie Eis, Kaffee, Kakao, Kuchen und Schokoriegel verkauft seit ich denken kann an der selben Stelle im Tierpark steht, lächelt mich an, während ich den ersten Schluck nehme. Der Tee schmeckt nach Klassenfahrt. Nach raufenden Jungs, die den Mädchen den Nachtisch klauen. Nach Nachtwanderung, Schlammschlachten, Versteckfangen. Nach heimlich-in-das-Jungenzimmer-schleichen, Kissenschlachten, das erste Mal verlieben. Tränen, Geheimnissen, Verschwörungen. Der Wind duftet nach Wald. Der riesige army-grüne Parka, den ich trage, nach Papa.
„Das ist wie früher. Es wird sich nie ändern. Ist das gut oder schlecht?“, sagt Papa.
Mein Papa ist neben seinen unzähligen anderen Fähigkeiten auch ein hervorragender Philosoph.
„Erzähl mir von früher.“ Ich schließe die Augen und gehe einfach los, Papa neben mir her. Ich renne niemanden um. Papa erzählt von dem Huhn, das auf der frisch geteerten Straße festklebte.
Von den Esskastanien und seinem Bett in diesem merkwürdigen verwucherten Kletterbaum.
Er erzählt von den Ruderbooten auf dem Weyer. Von dem Mofa, das er mit einem Freund geangelt hat. Davon, dass er jeden Tag in diesem Wald war. Dass er früher dachte, dass er nie älter als dreißig werden kann, weil ihm die Zeit so unwahrscheinlich lang vorkam. Dass er dachte, es würde niemals ein Tag kommen, den er nicht im Wald verbringt.
Immer wenn Papa erzählt weiß ich, dass mein Leben nur ein billiger Abklatsch von seinem sein wird.
Sein Leben ist filmreif. Seine Kindheit war es, seine Jugend war es und jetzt ist er es immer noch. Ich bin nur die billige Nachverfilmung. Bei unseren Parties geht es nicht mehr um das „Beisammensein“. Es geht ums Saufen. Wir tanzen nicht mehr, weil es peinlich ist. Jungen sind schüchterner als Mädchen. Wir stehen nicht mehr hinter unseren Freunden, wenn es darauf ankommt. Wir würden nicht, nur mit einer Toga bekleidet und high und besoffen einen Freund mit blutenden Genitalien ins Krankenhaus bringen. Wir würden ihn verbluten lassen. Wir würden nicht streiken, weil unsere Freunde von Lehrern schlecht behandelt werden. Wir würden nicht vor der Polizei davon laufen, sondern alles auf die anderen schieben. Papa, es bleibt nicht wie es war. Und das ist schlecht. Das ist nicht meine Zeit.

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